Herzkreuz und Bezoarkugeln vom Steinwild – Wundermittel des Mittelalters

Bald beginnt in den Alpen wieder die Brunft des Steinwildes. Seit Menschengedenken sind nicht nur Jäger von dem imposanten Gehörn und dem scheinbar mühelosen Wandeln auf unwegsamem Gelände fasziniert. Die Ehrfurcht und Mystifizierung hat in der Vergangenheit aber beinahe zur Ausrottung des Steinbockes geführt, zumal er auch als wandelnde Apotheke interessant war.

Die Menschen hatten es schwer in den Bergregionen. Die extreme Witterung und das steile Gelände machten den Alltag zur Bewährungsprobe. Man konnte nur neidvoll auf die Steinböcke blicken, die jedem Unbill trotzten und sich sogar auf unwegsamem Gelände geradezu majestätisch bewegten. Hier mussten übernatürliche Kräfte am Werk sein, diese Kräfte müsste man sich doch auch aneignen können. Mit Gedanken wie diesen könnte die systematische „Beinahe- Ausrottung“ des Steinwildes begonnen haben.
Beinahe allen Körperteilen des Steinbockes wurde eine Wirkung für Gesundheit aber auch Geist und Seele zugesprochen. Eine gut sortierte mittelalterliche Apotheke führte neben Murmel- und Dachsfett auch Bezoarkugeln von Gams- und Steinwild.
Dass die Kirche dem Aberglauben des Volkes nicht immer ablehnend gegenüberstand, zeigt dass die Bischöfe zu Salzburg angeblich eine Steinbockapotheke betrieben.
Hildegard von Bingen die sich mit der Heilkunst der Natur beschäftigte sprach vor allem dem Fell des Steinbockes Wunderkraft zu. Es sollte zu Gürteln aber auch Schuhen und Stiefeln verarbeitet werden.
Bekannt ist auch das Herzkreuz des Steinwildes. Hierbei handelt es sich um eine kreuzförmige Verknöcherung an der Herzschlagader. Es sollte nicht nur diverse Krankheiten heilen und Wunder wirken. Die Bezoarkugeln des Steinwildes wurden ebenfalls gerne verwendet. Sie wurden als Amulette um den Hals getragen und sollten angeblich schwindelfrei machen. Bezoarkugeln machen auch unverwundbar, besonders bei Wilderern waren sie daher sehr beliebt. Auch das Blut und der Kot der Tiere wurden verwendet. Ersteres sollte ebenfalls Kraft und Stärke verleihen, der Kot wurde als Medizin angewendet. Auch das Horn wurde verwendet. Gegen das 13. Jahrhundert zu dürfte das Steinwild auf der Nordabdachung der Hohen Tauern bereits ausgerottet worden sein. Am Ende 13. Jahrhunderts war man bereits soweit, dass das Steinwild auf der Nordabdachung der Hohen Tauern verschwunden schien. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts war es dann aus den gesamten Ostalpen verschwunden. Die letzte Zufluchtsorte des westalpinen Steinwildes war das Gebiet des heutigen Nationalparks Gran Paradiso in Oberitalien wo es schließlich unter Schutz gestellt wurde. In der Vergangenheit gab es in Österreich immer wieder Auswilderungsversuche die auch erfolgreich waren. Es gibt beispielsweise laut dem Land Salzburg in den Hohen Tauern eine ansehnliche Population von mehr als 400 Tieren. Somit kann man zuversichtlich in die Zukunft blicken: der König der Alpen bleibt uns erhalten.