Steinwild im Nationalpark Hohe Tauern

Im Rahmen der Hohen Jagd und Fischerei 2011 berichtete Gunther Gressmann vom Nationalpark Hohe Tauern in einem Vortrag über die dortige Steinwildpopulation. Das bei uns bereits ausgerottete Steinwild wurde besendert und die Wanderstrecken verfolgt. Welche Strecken zurückgelegt werden und was eine stabile Steinwildpopulation ausmacht lesen sie hier.
Die Steinwildpopulation im Nationalpark Hohe Tauern umfasst rund 1000 Tiere. Die Population verteilt sich auf das Großglockner Gebiet aber auch in den Südtiroler Bereich. Gunther Gressmann erwähnte auch die Geschlechterunterschiede im Bezug auf die Wanderung. Böcke wandern grundsätzlich weiter, Geißen weniger, sie verlassen den Wintereinstand, dann sind aber bald die Kitze da. Wie bei den meisten Wildarten ist der Winter der limitierende Faktor für das Steinwild. Das Steinwild ist evolutionsbiologisch eher dem Steppenwild zuzuordnen. Herr Gressmann erklärte, dass das Steinwild auf optische Reize ausgerichtet ist. Während andere Wildarten sich stärker mit dem Geruchssinn orientieren zählt beim Steinwild das was man sieht. Dieser Umstand verwundert auch nicht weiter wenn man bedenkt, dass in den alpinen Regionen, in denen sich das Steinwild bewegt ein starker Wind weht. Auch das große Gehörn hat damit zu tun, so ist die Rangordnung bei einem Blick auf das Gehörn sofort klar. Herrr Gressmann betonte, dass das Gehörn des Steinwildes keine Waffe sondern ein optischer Anzeiger ist. Dadurch, dass die Rangordnung klar ist, ist auch das Leben in größeren Kolonien möglich, es herrscht mehr Ruhe im Rudel. Vierjährige Böcke zeigen weit mehr Aktivität bzw. Gerangel und Spielverhalten als siebenjährige Böcke, das liegt daran, dass dort die Rangordnung schon klarer ist. Das starke Gehörn hat aber auch seine Nachteile. Herr Gressmann berichtete von Untersuchungen in denen nachgewiesen wurde, dass Böcke die mehr in die Gehörnentwicklung gesteckt und stärkere Gehörne hatten, eine geringere Lebenserwartung aufwiesen als Böcke mit schwächer entwickeltem Gehörn. Genau hingewiesen wurde im Vortrag auch auf die spannende Populationsdynamik beim Steinwild. Die Steinwildpopulation entwickelt sich anfangs langsam und bekommt dann eine Dynamik, es herrscht dann ein reges auf und ab.
Eine wichtige Frage im Vortrag von Gunther Gressmann war das Alter bzw. ab wann ein Bock alt ist und warum es wichtig ist im Bestand alte Böcke zu haben. Ein Bock ist laut Gressmann ab dem 13. Lebensjahr als alt zu bezeichnen, eine Geiß ab dem 15. Lebensjahr wenn sie keine Kitze mehr setzt. Junge Böcke lernen von den Alten das Verhaltensreportoire, ähnlich ist es auch bei den Geißen. Durch alte Stücke ist auch mehr Ruhe in der Population gewährleistet.
Im Nationalpark Hohe Tauern wurden 12 Steinböcke, verteilt auf das ganze Nationalparkgebiet, besendert. Die Wanderungen wurden dann aufgezeichnet und die Ergebnisse sind faszienierend. Bei einem Bock wurde die Wanderung fünf Wochen lang verfolgt. Der Bock legte in dieser Zeit eine Strecke von sage und schreibe 400 km zurück. Nimmt man sein Streifgebiet her und rechnet es auf durchschnittliche heimische Reviergrößen um, so durchwanderte der Bock 135 Reviere! Interessant waren laut Gressmann auch die Unterschiede zwischen telemetrischen Messungen in der Schweiz und in Österreich. Diese Unterschiede rühren vom Wegenetz, von den Einständen der Böcke und Geißen aber auch vom Alter der Tiere her. Ob die Weidenutzung einen Einfluss hat, wird noch untersucht. Interessant ist auch, welchen Wert der Freilassungspunkt beim ausgewilderten Steinwild hat. Nach der Besenderung kehrte ein vor zwei Jahren freigelassener Bock für sieben Wochen an jenen Ort zurück, an dem er freigelassen wurde.